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New Oncology AG: Krebstest aus ein paar Tropfen Blut

Neue Analysetechniken verbessern die Überlebenschancen von Krebspatienten.

Wirtschaftswoche 40/2015

Ärzte können Tumore damit schneller und schonender erkennen. Urs Vollenweider* hatte seinen Lungenkrebs
im Griff. Dank eines passenden Medikaments lebte der 54-Jährige ein ganz normales Leben - bis ihn vor wenigen Monaten ein Rückfall niederstreckte. Das Krebsmittel, das den Tumor des sportlichen Schweizers drei Jahre lang erfolgreich zurückgedrängt hatte, wirkte nicht mehr. Statt für den nächsten Marathonlauf zu trainieren, kämpfte er im Kantonsspital Luzern ums Überleben. Vollenweider hatte „sehr schnell abgebaut",
sagt sein Arzt Oliver Gautschi, der fast verzweifelte, weil er nicht herausfand, wie er ihm helfen konnte.
Mit der klassischen Untersuchungsmethode kam der Krebsspezialist nicht weiter. Bei der üblichen Gewebebiopsie hatte er mit einer Hohlnadel eine Probe aus dem Tumor entnommen, um herauszufinden, welche Genveränderung die Krebszellen gegen das Medikament immun machte. Ohne Erfolg. Den rettenden Ausweg fand der Schweizer Onkologe in einer neuen Analysetechnik, die das junge Kölner Pharmaunternehmen NEO New Oncology gerade entwickelt: Der Test der Kölner fahndet nach Bruchstücken
des Tumorerbguts im Blut. Im Fall von Vollenweiders Blutprobe funktionierte, was bei der klassischen Biopsie noch fehlschlug: Gautschi fand die Genveränderung und konnte Vollenweider ein neues, genau abgestimmtes
Medikament geben. „Dem Patienten ging es binnen weniger Tage so viel besser, dass wir ihn entlassen konnten." Die Jagd auf Krebsgene im Blut, im Fachjargon „Liquid Biopsy" - flüssige Biopsie - genannt,
begeistert nicht nur Gautschi. Das neue Analyseverfahren fasziniert derzeit weltweit Onkologen und all jene Unternehmen gleichermaßen, die neue Krebsmedikamente und Krebstests entwickeln. Umfassende Tumoranalyse Denn wo bisher schmerzhafte und mitunter gefährliche Nadelstiche ins Gewebe notwendig sind, könnten in Zukunft bei Flüssigbiopsien ein paar Tropfen Blut genügen. Der Münchner Max-Planck-Direktor und NEO-Mitgründer Axel Ullrich verspricht: „Wir können Genveränderungen im ursprünglichen Tumor sowie in den Metastasen aus einer einzigen Blutprobe erfassen - davon habe ich als Krebsforscher immer geträumt."
Wenn die Technik hält, was sie verspricht, wäre das ein gigantischer Durchbruch im Kampf gegen Krebs. Denn mit den Bluttests könnten Ärzte tödliche Tumore, die pro Jahr weltweit sieben Millionen Todesopfer fordern,
schnell, sicher und schonend analysieren und die exakt passenden und wirksamsten Medikamente geben. Und während der Behandlung ließen sich die Tumorzellen per simpler Blutprobe überwachen. Sobald sie
sich genetisch verändern und damit immun gegen die Medikamente werden, wie bei dem Schweizer Patienten, kann der Arzt ein anderes Mittel geben. NEO-Gründer Ullrich will seinen bisher nur in Einzelfällen eingesetzten Test seiner Kölner Firma NEO ab Oktober regulär anbieten. Als erster Anbieter weltweit hatte das deutsche
Biotechunternehmen Qiagen im Januar eine Marktzulassung für einen solchen Liquid-Biopsy-Test erhalten. Der Schweizer Konzern Roche, der bei Krebsmedikamenten und Krebsdiagnostik zur Weltspitze gehört,
will laut Angaben seines Diagnostik-Vorstands Roland Diggelmann noch im September mit einem ähnlichen Test nachziehen. Und auch das deutsche Pharmaunternehmen Merck wartet, zusammen mit seinem
amerikanischen Kooperationspartner Sysmex, auf die Zulassung einer Flüssigbiopsie-Analyse. „Eine solche Onlineüberwachung der Therapie wird die Überlebenschancen der Kranken deutlich verbessern", ist Christoph
Menzel überzeugt, der bei Qiagen das Geschäft für Liquid-Biopsy-Tests verantwortet. Mehr noch: Weil der Arzt nicht länger zufällig in den Tumor sticht und dann das Nest an mutierten Krebszellen inmitten nicht mutierter
Zellen womöglich verfehlt, scheint das generalisierte Bild aus dem Blut sogar aussagekräftiger zu sein.
Eines Tages dürfte es sogar möglich sein, aus der Untersuchung von ein paar Blutstropfen abzulesen, ob ein
Mensch krebskrank ist - lange, bevor sich ein verdächtiger Knoten in der Brust ertasten lässt oder bevor eine
tödliche Wucherung im Ultraschallbild oder Computertomogramm erkennbar wird. So früh identifiziert,
Spurensuche Krebszellen, wie etwa bei einem Lungentumor, verraten sich durch ihr Erbgut im Blut ließen sich viele Krebsarten früher und besser behandeln. US-Forscher Bert Vogelstein von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore arbeitet bereits an einem Blutselbsttest, der jedem Interessierten verraten soll, ob er Krebs hat. Auch das US-Start-up Mirocolus aus dem Silicon Valley will bald ein Gerät anbieten, mit dem Laien in einem
miniaturisierten Hosentaschenlabor Krebsgene im Blut suchen können. Die Idee hinter all diesen neuen Tests ist immer die gleiche: Die Forscher fahnden sowohl nach ganzen Krebszellen, die durch die Blutbahn  schwimmen, als auch nach Genbruchstücken dieser Tumor - zellen. Denn wenn diese absterben, geht
ihr Erbgut - von körpereigenen Enzymen in unzählige Kleinteile zerhäckselt - ins Blut über. Daneben kommunizieren viele Krebszellen aber auch aktiv miteinander oder mit dem Nachbargewebe, indem sie
Genschnipsel in die Blutbahn abgeben. Den Gencode der Krankheit entschlüsseln Dass im Blut Krebserbgut zirkuliert, ist lange bekannt. Doch die Mengen dieser Biomarker sind so gering, dass es sehr schwer war, sie aus dem Blut zu fischen und anschließend sicher zu analysieren. Inzwischen aber gelingt es Unternehmen
wie Qiagen, Roche oder eben NEO immer besser, die Genfundstücke erst zigtausendfach zu vervielfältigen und sie dann zu entziffern und zu entschlüsseln. Trotz aller Euphorie: Alle Unternehmen betonen, dass die Methode noch ganz am Anfang stehe. „Wir wissen noch nicht, ob und wie wir von allen Tumoren Erbinformationen im Blut gewinnen können", sagt Qiagen-Manager Menzel. Andersherum ist auch nicht klar, ob jeder Fund im Blut bedeutet, dass dieser Mensch überhaupt je einen Tumor entwickeln wird. Auch diese Frage soll nun ein internationales Konsortium namens Cancer-ID beantworten, in dem sich 36 Firmen und
Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen haben. „Was wir zuerst brauchen, sind einheitliche Standards für die neue Methode" sagt Cancer-ID-Leiter Thomas Schlange, der hauptberuflich bei Bayer HealthCare in Wuppertal an Biomarkern forscht. Praktiker wie Gautschi in Luzern sind indes schon jetzt begeistert: Dass er mit hilfe des neuen Tests ein heilsames Präparat für seinen Läufer gefunden hat, das mache ihn „einfach extrem glücklich".


susanne.kutter@wiwo.de, andreas menn